Automatisch schreiben:
in 5-Minuten

Automatisch schreiben, funktioniert das auch bei mir? Diese Frage stellen sich viele Teilnehmer*innen im Workshop, bevor sie beherzt loslegen und dann erfreut feststellen: Yippie, ich habe keine Schreibblockade. Ich kann schreiben!

Wobei es um das Können ganz und gar nicht geht. Im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) gibt es für mich kein richtig oder falsch! Daher bewerten oder interpretieren wir die Texte nicht, sondern üben uns gemeinsam darin, achtsam hinzuhören: Wir lauschen Worten und ihrem Klang, um uns überraschen zu lassen, was sie bei uns anklingen lassen. Denn gemeinsames Hören ist fast so spannend wie gemeinsames Schreiben.

Gemeinsames Hinhören schult die Wahrnehmung

Die folgenden 5-Minuten-Texte wurden spontan als Einstieg in einen Workshop geschrieben. Buchstäblich aus dem Bauch geschrieben, sind sie relevant für die Reflexion und um weitere Impulse daraus zu generieren. Oftmals sind sie wie kleine Rohdiamanten, die wir schleifen können. Denn die Qualität solcher Improvisationen ist unvergleichlich!

Sie enthalten ungeahnte Wortschätze, intuitives Wissen und Lebenserfahrung. Und zeigen: Schreiben ohne nachzudenken funktioniert. Nicht zuletzt, weil wir durch das Schreiben per Hand die linke und rechte Gehirnhälfte miteinander verbinden und unsere Kreativität somit ‚automatisch‘ fließen kann.

Orientierung im Freiraum

„Es geht los, der Füller darf wieder über das Papier gleiten. Gaby hat den Start eröffnet. Mich willkommen geheißen mit Tee, Leckereien und einer Schreib-Rosen-Serviette. Meine eigene Zeit, die Buchstaben aus der Feder fließen zu lassen. Welch ein Glück, diese Möglichkeit zu haben, sie mit gleichgesinnten Schreiberinnen zu teilen. Mal sehen, was heute so auf das Papier in die Linien ohne Linien möchte. Zarte Punkte deuten die Linien an, geben Orientierung und gleichzeitig Freiraum. So mag ich es auch außerhalb dieses Heftes gerne leben. Frei in der Orientierung und orientiert in der Freiheit, geht doch.“ © Eva Hoffmann

Tiefenentspannt

„Einatmen – ausatmen, dazwischen die kleine Pause erspüren. Gelassenheit, es ist Zeit für Gelassenheit. Ich habe mir die Zeit genommen und bin darin herumgeschwommen. Nachspüren, wie der Tag war … Kraniche falten statt Morgenseiten schreiben – auch schön! Die Ruhe genießen, den Sonnenschein … dann in die Woche starten, auch die Telefonate mit Bedacht führen und immer mal wieder innehalten, das gibt Halt. Und Zeit, sich zu freuen! Wenn etwas zwackt, dann auch dahin spüren, doch nichts festhalten, alles ziehen lassen, wie Wolken, die vorbeiziehen.“ © Jutta Killian

Eine lange Weile verweilen

„Ich setze mich auf den freien Stuhl, lege den Schlüssel auf den Tisch und schließe für einen Moment die Augen. Und nun ist da nur noch ein Wunsch: In Ruhe ankommen, mir Zeit nehmen für mich und den Atem; den Atem, der länger wird, weil zwischen den Zügen die Weile liegt, die lange Weile in zwei Worten. Eine lange Weile: verweilen, hinschauen, sehen, spüren, atmen. Nichts als ver-weilen.
Verweilen und damit die Sekunde dehnen, so als ob sie aus der Zeit fiele, so als könne aus einer Sekunde ein Leben werden.
Verweilen und damit die Sekunde aus der Hast nehmen, so als ob man selbst aus der Zeit gefallen wäre, so als wäre nichts mehr als das, was gerade ist.
Und vielleicht ist es das auch; im Hintergrund das Lied der Vögel, die vom Frühling singen, unterbrochen von einigen Autos, die so wie ich eben noch durch die Zeit eilen, als gäbe es keine Sekunde, die man aus der Zeit nehmen könnte.
Ich beginne zu lächeln und spüre meinen Bauch, der sich gelassen hebt und senkt. Eile wird zur Weile. Was ich nach diesem Tag tue: In Ruhe ankommen, mir Zeit nehmen für mich und den Atem. Ich falle aus der Zeit für die Zeit, die gerade ist.“ © Kerstin Schwert

Türkis. Noch ein 5-Minuten-Text zum Schluss:

Schreiben, schreiben, schreiben, was ist da? Welchen Faden greife ich raus aus dem inneren Fadenknäuel?
Ist es ein roter Faden? Ach nein, der ist so wichtig, so seriös. Was bietet sich noch? Ach, nehme ich doch den türkisen Faden aus dem Knäuel. Allein die Farbe anzuschauen ist erfüllend und schon entstehen Bilder von Weite, Meer und ein sättigendes, beruhigendes Türkis. Ich kann gar nicht mehr wegsehen und ich möchte es auch nicht. Einfach in der Ruhe und Kraft dieser Farbe versinken und auftanken. Abkühlen und klar werden.
Wieder auftauchen und sehen, ich bin bei Gaby und neben mir steht leckerer Tee. Trinken. Ankommen. © Eva Hoffmann

Probiere es selbst: Tipps zum 5-Minuten-Schreiben

  • Schnapp dir Stift und Papier, denn du schreibst in jedem Fall mit der Hand.
  • Suche dir einen Ort, an dem du dich wohlfühlst und wo du wenigstens fünf Minuten Ruhe hast.
  • Atme ein paar Mal tief ein und aus. Und dann leg los.
  • Schreibe alles, was Dir gerade in den Sinn kommt ‚ ungebremst‘ auf. Ohne abzusetzen oder zwischendurch zu korrigieren.
  • Lass die Wörter fließen: in Stichpunkten, ganzen Sätzen oder Reimen.
  • Wenn du magst, mach das 5-Minuten-Schreiben zu einem täglichen Ritual: vielleicht am frühen Morgen, um aufgeräumt in den Tag zu starten, als Alternative zum Morgenseitenschreiben. Nach der Arbeit, um eine ‚Brücke‘ zum Feierabend zu schlagen oder vor dem Zubettgehen, um dich von belastenden Gedanken des Tages zu befreien. Schreib drauflos, wann immer es für dich passt.

Dass sich deine Schreibkompetenz ebenfalls ‚automatisch‘ verbessert, ist die gewünschte Nebenwirkung, die kreatives Schreiben mit sich bringt. Teste es gern in einem meiner Workshops und lerne außerdem die Wirksamkeit ätherischer Öle als Impulsgeberinnen kennen.

 

Workshops

Fotos: pixabay, S. Ay, daniel.schoenen / photocase.de, Cernasite / photocase.de, Ulrike Adam / photocase.de