Freies Wort – freies Ich

Man verspürt den Drang, etwas aufzuschreiben, Gedanken und Ideen in Worte zu fassen. Leider neige ich dazu, mich selbst vom Schreiben abzuhalten, weil ich mir einbilde, irgendwelchen Vorgaben oder Erwartungen gerecht werden zu müssen. Schreiben bedeutet Freiheit, weil das Papier geduldig ist, wie es so schön heißt, und es stellt weder Fragen, noch bremst es uns aus oder lenkt ein, wenn wir das vermeintlich Falsche schreiben.

Wieso also glaube ich, dass ich auf eine bestimmte Art und Weise schreiben muss? Gibt es tatsächlich niemanden, die oder der etwas mit meinem Text anfangen kann?

Dein Wort gehört Dir

Sollte der Text nicht für eine zweite Person gedacht sein, ist meine Freiheit grenzenlos; nur ich setze mir die Grenzen, doch diese beschränken mich dann nicht nur im Schreiben, sondern auch im Denken. Genau so wie wir Zwängen hinsichtlich des beruflichen Erfolgs oder des Körpers ausgesetzt sind, meinen wir, dass wir auch beim Schreiben diesen unterworfen sind.
Doch das Schreiben ist eine ganz und gar persönliche, subjektive Erfahrung, ihm liegen unterschiedliche Motive und Emotionen zugrunde.
Vielen Menschen hilft das Schreiben, um ihr Leben zu meistern oder traumatische Erlebnisse verarbeiten zu können.
Für mich ist das Schreiben eine Liebeserklärung an die Worte, die ich zum Schreiben und zum Sprechen nutzen darf. Bereits in der Jugend übten Worte eine Faszination auf mich aus; sie sind wunderschön und können zu allem Überfluss auch noch Wunderschönes schaffen, ebenso können sie Schreckliches ausdrücken, doch bleiben sie immer ein Instrument, mit dem alles Menschliche beschrieben, verbreitet, ertragen oder erkannt werden kann.

Lebenswelten, die sich mir erschließen

Wieso also zensieren wir uns selbst, indem wir uns davon abhalten, uns selbst in Worten auszudrücken? Es ist ein Geschenk, wenn auch kein selbstverständliches, dass uns ein Instrument zur Verfügung steht, mit dessen Hilfe wir das, was uns ausmacht, zum Ausdruck bringen, und uns dadurch selbst besser kennenlernen zu können.
Dass Worte verwendet werden, um unaufrichtige Texte aus noch unaufrichtigeren Motiven zu schaffen, sollte uns nicht davon abhalten, sie für uns selbst zu nutzen. Sie können uns nie genommen werden, wir können sie sprechen und schreiben, im schlimmsten Fall bleibt uns das Denken. Stattdessen kopieren wir andere Texte, weil wir glauben, unsere Geschichte der ideal-verwöhnten Welt nicht zumuten zu dürfen.
Wären wir uns eine Sekunde darüber bewusst, dass es mindestens einen Menschen gibt, der etwas mit unseren Worten anfangen kann, dass unsere Worte trösten, Welten erschließen, Menschen zum Leben erwecken können, wir wären viel freier und ehrlicher im Schreiben und noch freier im Bilden von Lebenswelten, die sich gänzlich von unserer unterscheiden.

Freiheit durch Schreiben

Natürlich möchte ich nicht immer das Leben eines Menschen lesen, das meinem gleicht. Doch in erster Linie möchtest Du nicht für mich schreiben, genauso wenig wie ich für Dich schreiben möchte. Aber wenn sich uns Welten, Emotionen und das Fremde auftun, die uns begeistern, berühren und tatsächlich in unserem Denken erschüttern, umso besser.
Um ansatzweise in diese Welten abzutauchen oder sie überhaupt erst erschaffen zu können, sei es nur für mich oder mein Papier, ist es fruchtlos, nur eine Kopie zu sein, schlimmer noch, den Stift gar nicht erst in die Hand zu nehmen, nur um irgendwelchen Vergleichen zu entgehen. Oh, die Vergleiche werden angestellt werden. Das Wort sehnte sich aber danach, geschrieben zu werden, also sollte es diese Vergleiche nicht fürchten.

Frei, spontan und intuitiv, so wie wir es vom 5-Minuten-Schreiben kennen, ist dieser Text von Evin Ay entstanden. Er hat ein wenig länger gedauert; Evin war ihrem Impuls gefolgt und hat bis zu dem Punkt geschrieben, wo sie wusste: Jetzt ist es rund. Eine Erfahrung, die wir machen, je öfter wir intuitiv schreiben, ohne abzusetzen und uns zwischendurch zu korrigieren. Der Text ist unbearbeitet, lediglich Korrektur gelesen und mit Zwischenüberschriften versehen, um ihn lesefreundlicher zu gestalten.  

Text und Foto: Evin Ay

2 Antworten auf „Freies Wort – freies Ich“

  1. Das trifft es sehr! Selbst im privaten Schreiben habe auch ich ein „Leistungsdenken“, und will mich selbst vor mir selbst verständlich machen.
    Aber wofür?
    Frei nach „Gusto“ (wer war eigentlich dieser Gusto? 😉 ) schreibt es sich am lockersten und die besten (oder bewerte ich hier etwa schon wieder?) Gedanken zu Papier, wenn wir es einfach geschehen lassen.
    Danke für die ErMUTigung, liebe Gabriele!
    Herzlichst,
    Barbara

    1. Liebe Barbara,
      ja, ich finde den Text von Evin auch sehr gelungen. Wir werden sicherlich noch häufiger von ihr lesen 🙂 Wenn der Text Dich und andere erMUTigt, freut mich das umso mehr! Dankeschön für Dein Feedback. Evin wird sich ebenfalls freuen. Liebe Grüße zurück!

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