Orange: Ihr Duft macht den Kopf weit

Ich war skeptisch. Schreibcoaching mit Düften? Was sollte das bringen? Ich konnte schreiben. Ich hatte Artikel für die Zeitung verfasst und außerdem schon zu Jugendzeiten stapelweise Tagebücher gefüllt. Und eigentlich war ich mit Therapie und Selbsterfahrung durch. Doch der Workshop war ein Geschenk.

Die Atmosphäre im Schreibraum ist locker-entspannt. Gummibären stehen auf dem Tisch, gespitzte Stifte und das Öl eben. Doch erst mal geht’s ums Kennenlernen. Zwei Frauen sind schon da. Sie wirken durchaus nicht so, als ob sie es nötig hätten. Als ob sie ein Coaching brauchen, um mit sich und ihrem Leben besser klar zu kommen. Sie wissen, was sie wollen und verfolgen konsequent ihre Ziele.

Was also, bitte schön, wollen die hier? Vielleicht einfach nur in Kindheitserinnerungen schwelgen? Denn in der Ausschreibung des Workshops war das ja Thema: „Leben so unbeschwert wie in unserer Kindheit!“, hieß es. Etwas Orange sollte man ins Leben holen, ihn witziger und spritziger machen, sich durch den Duft entführen lassen in die Kindheit oder in einen sonnigen Orangenhain im Süden.

Oder wollen sie einfach nur schreiben? Denn: „Einfach mal hineinschnuppern“, so lautete der letzte Satz, „und schon fließen Worte, Gedanken und Geschichten auf das Papier.“Ich brauche das eigentlich nicht. Schreiben kann ich auch ohne Duft. Doch, nun gut. Nun sitze ich hier und mache einfach mal mit. Erst ohne die Orange.

Ich schreibe einfach, was mir in den Sinn kommt. Über den Stress eben zu Hause, und darüber, was mich gerade bewegt: Ich müsste  springen, mich weiter einlassen auf meine Beziehung. Doch ich tanze drumrum. Kopfmäßig tue ich es, aber gefühlt halte ich mir immer eine Hintertür offen. Genau wie hier gerade. Ich bin zwar da, aber ich lese jetzt erst mal nicht vor, was ich geschrieben habe.

Ich schnuppere, und plötzlich bin ich voll drin.

Und dann kommt die Orange. Ich schnuppere, und plötzlich bin ich voll drin. Der Duft macht den Kopf weit und lässt die Gedanken purzeln. Diejenigen, die gerade wichtig sind. Ich weiß gar nicht genau, was ich schreibe. Ich schreibe einfach. Aber es sind genau die Wörter und Sätze, die mir helfen, die ich gerade brauche, um weiter zu kommen: Ich sollte aufhören, immer alles steuern zu wollen. Stattdessen der Intuition folgen und vertrauen. Mich auf das einlassen, was gerade ist, so wie es ist und vor allem: Mich auf mich selbst einlassen.

Ich bin verblüfft. Ich wusste gar nicht, dass die Antworten, die ich suche, schon in mir sind. Dass es eigentlich nur eines Impulses bedurfte, um sie hervorzulocken. Bei der nächsten Übung gehe ich sogar noch einen Schritt weiter: „Ich darf“, so fangen meine Sätze an. Ich gebe mir die Erlaubnis, das zu zeigen, was ich gerade fühle, was gerade in mir ist. Ich darf schlicht und ergreifend so sein wie ich bin.

Die Erkenntnis ist einfach und nicht wirklich neu. Und ich weiß, dass die Umsetzung das eigentlich Schwierige an der Geschichte ist. Doch für mich gerade ist es der Impuls, der zählt. Der Duft, der erst mal was ins Rollen gebracht hat. Die anderen Frauen, die mich bereichert und bestärkt haben. Und die Atmosphäre, in der all dies möglich war.

Schreiben mit Düften. Das ist ein ganzes Paket, wie ich jetzt weiß. Der Duft ist nur ein Bestandteil davon, doch ein wesentlicher. Er setzt den Schreibprozess in Gang. Bei dem man nie weiß, wo man landet. Ob in seiner Kindheit, im Orangenhain oder mitten im prallen Leben.

Text: Dagmar Höner, Enger

Headfoto: Philippe Opigez

Fotos: Vanessa Bellusci; schreibselig 

 

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