Storytelling

Das Buch der alten Dame

So sehr ich mich auch anstrenge. Ich kann mich einfach nicht erinnern, welches Buch von Selma Lagerlöf es war. Die Autorin war mir damals ebenso fremd wie die alte Dame, die ich einmal wöchentlich besuchte und die mich von der ersten Stunde an sanft, aber nachdrücklich aufforderte, es zu übersetzen. Genau genommen einzelne Passagen daraus, die sie scheinbar willkürlich auswählte. In feinstem Schulenglisch und mit einem markanten russischen Akzent trug sie mir auf, eine bestimmte Seite aufzuschlagen und sagte: ,,Read and translate“. Das war keine Bitte. Trotz ihrer fragilen Erscheinung überzeugte sie mit der natürlichen Autorität einer Grande Dame.

Also tat ich es, so gut ich konnte, und schlüpfte widerstandslos in die mir zugewiesene Rolle. Schließlich war ich freiwillig auf diesen Versuch eingegangen. Etwas voreilig hatte ich auf das Anliegen meiner Kollegin reagiert. „Sprichst Du Englisch?“, wollte sie wissen und ich antwortete selbstbewusst „Na klar!“ Sicherlich in der Hoffnung, mich in meinem neuen Job profilieren zu können. „Sehr gut“, stellte die Stationsschwester zufrieden fest. „Die Bewohnerin von Zimmer 107 ignoriert uns komplett, da wir keine ihrer bevorzugten Sprachen sprechen, jedenfalls nicht gut genug. Wir machen uns Sorgen, dass sie sich noch mehr isoliert; im Grunde hat sie sich nie wirklich eingelebt.“

Ein bisschen Englisch zu plaudern, erschien mir als eine meiner leichtesten Übungen. Da hatte ich mit meiner neuen Praktikumsstelle mächtig Glück gehabt. Meine Euphorie löste sich jedoch buchstäblich in Luft auf, als ich später der kritischen Musterung der Dame in Nummer 107 standhalten musste. Stocksteif und verunsichert saß ich auf einem ihrer alten, durchgesessenen Sessel. Vor mir stand ein kleines Tischchen. Das unscheinbare Buch darauf wirkte auf mich irgendwie liegengeblieben und, wie alles in diesem Ambiente, völlig antiquiert. Mrs. Read, so nannte ich sie, kurz und knapp wie ihre Anweisungen, saß mir gegenüber, kerzengerade und mit strengem Blick, der oft unvermittelt abschweifte und in ein Anderswo wanderte. War sie hoch konzentriert und ganz bei uns, musste ich mir Mühe geben. Denn außerhalb dieses Zimmers hatte ich keinerlei Ambitionen, Selma Lagerlöf zu lesen, geschweige denn zu übersetzen. Und so nutzte ich meine Freizeit selbstverständlich nicht, um zu üben. Das nahm meine neue Lehrerin, die mich zu ihrer Schülerin erkoren hatte, missbilligend zur Kenntnis. Wenn ich anfing zu stammeln oder die Texte eher kreativ als virtuos zu übersetzen, konstatierte sie dies mit verächtlicher Miene. Darüber hinaus schien sie ehrlich enttäuscht, ja geradezu beleidigt zu sein. Dass ich ihr Bemühen, mir zu Bildung zu verhelfen, kein bisschen zu würdigen wüsste, unterstellte sie mir gewissermaßen zurecht.

Allein in ihrer Welt

Zu zweit in ihrem wenig heimeligen Zimmer waren wir allein in ihrer Welt. Nur selten ging sie noch durch die Tür, die auf einen langen Flur führte, der die einzelnen Räume der Menschen, die hier lebten, miteinander verband. Auf dieser Station war sie zuhause, aber gewiss nicht daheim. Diese Lektion lehrte sie mich irgendwo zwischen den Zeilen von Selma Lagerlöf und diesen befremdlichen Momenten innerer Aufruhr, die nicht nur Mrs. Read, sondern auch mich stets ohne jede Vorwarnung überfielen und aus dem Gleichgewicht brachten.
Dann schreckte sie von ihrem dürftig gepolsterten Stuhl in die Höhe, strich den dunklen Rock glatt, sah mich mit ihren tief liegenden Augen an und griff neben den Kleiderschrank. Hier stand ihr abgewetzter Lederkoffer, den sie überraschend schwungvoll auf ihr Bett warf und mit schnellen, fahrigen Handgriffen mit herumliegenden Dingen und Kleidungsstücken befüllte. In einer Geschwindigkeit, die ich von der alten Lady, die sich aufgrund ihrer Arthrose nur unter Schmerzen bewegen konnte, keineswegs gewohnt war.
Es war blanke Angst, die sie mobilisierte. Sie werde ich ebenso wenig vergessen, wie dieses Szenario, das wir so häufig wiederholten. Ich sehe sie vor mir: die gebückte, kleine Gestalt, die mich mit ängstlichem Blick und leiser, bebender Stimme ermahnt: „Vergiss das Buch nicht, mein Kind.“ Offensichtlich in Sorge um mich, drückt sie es mir in die Hand wie eine Kostbarkeit. Dieses unscheinbare Buch mit dem abgegriffenen Einband, das bereits etwas muffig roch, sodass ich mir nach dem Lesen immer gleich die Hände wusch. Folgsam lege ich es in den Koffer, den ich wenig später unaufgefordert schließe und vor uns auf den Boden stelle. Bevor wir uns gemeinsam auf die Bettkante setzen, uns an den Händen halten und nichts tun, als miteinander da zu sein. Bis die Panik verschwindet. Heimlich taste ich nach ihrem Puls, der sich nur langsam beruhigt. Erst dann schlägt auch mein Herz ruhiger.

Ein Stück des Weges gemeinsam

Beim ersten Mal wusste ich ganz und gar nicht, wie und was mir geschah. Also tat ich, was ich während des Übersetzens tat: Ich improvisierte, wurde Teil des Geschehens und begleitete die alte Dame ein Stück ihres Weges, der eigentlich längst hinter ihr lag. Niemand hatte uns während der Ausbildung auf derartige Abenteuer vorbereitet. So blieb ich einfach in meiner Rolle und gab mein Bestes, bis Mrs. Read wieder im Hier und Jetzt ankam, in Zimmer 107, nach einer anstrengenden Reise in ein früheres Erleben.
Es war stets ungewiss, wann wir aufbrechen oder zurückkehren würden oder welche Auslöser es gab. Meist dauerte es nur wenige Minuten. Gefühlt war es oft eine Ewigkeit, in der ich, Zuschauerin und Protagonistin zugleich, hautnah erlebte, wie sich diese Zwischenwelt auftat, Mrs. Read mitnahm und ich ihr folgte. „Wir müssen packen“, sagte sie dann eilig, beinah atemlos, ,,nur das Nötigste. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Mach jetzt!“

Ich weiß nicht, wie oft wir auf diese Art und Weise gemeinsam unterwegs waren, ohne das Zimmer jemals zu verlassen. Wenn wir wieder ankamen, half ich meiner seltsamen Lehrerin, sich wieder einzufinden. Erschöpft, verwirrt, sich unsicher umschauend kehrte sie in die Gegenwart zurück. Dann wartete ich noch eine Weile, bevor ich sie allein ließ, um eine Schwester zu holen, die sie versorgen und vielleicht ins Bett bringen würde. Sie musste sich dringend ausruhen.
Und ich wusste: Mrs. Read würde das geschehen lassen, hin und wieder eine Regieanweisung geben, auf Englisch oder Russisch. Was machte es für einen Unterschied? Vor wem oder was wir flüchteten, habe ich nie erfahren. Mrs. Read und ich waren einander begegnet, einen Abschied sollte es nicht geben. Eines Tages hatte sie beschlossen, ihre Heimat für immer anderswo zu finden. Sie ging in aller Stille. Meine Zeit in diesem Haus ging ebenfalls zu Ende.

Ein letztes Mal betrat ich ihr Zimmer, das nun noch leerer, einsamer und fremder wirkte. Die lange schon schäbig gewordenen Möbel erinnerten nur vage an bessere Tage. Auf der schweren Kommode lagen sorgsam zusammengelegte Kleider und persönliche Habseligkeiten, die irgendjemand abholen würde. Das Buch von Selma Lagerlöf lag wie immer allein auf dem kleinen Tisch. „Einfach vergessen“, dachte ich. Eine Sekunde lang war ich versucht, es mitzunehmen. Hätte sie das gewollt? Ich ließ es liegen. Es war nicht mein Buch. Es gehörte der Dame in Zimmer 107. Vielleicht gab es ja doch noch Verwandte, die es mit nach Hause nehmen und ihm einen würdigen Platz geben würden. So hoffte ich.

Text: Gabriele Rejschek-Wehmeyer

Bild: Yerson Retamal / Pixabay

 

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