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Fallobst. Eine Liebesgeschichte.

Sie erinnerte sich noch ganz genau an ihr erstes Zusammentreffen. Bevor sie sich überhaupt wahrnahmen, hörten sie einander. Ein dumpfes Klack-Geräusch, dann Stille. Plötzlich noch einmal „Klack“ und ein geräuschloses Kullern über die Erde, bis sie an ihn stieß. Noch ganz benommen von dem Fall in die Tiefe lagen sie also nebeneinander.

Wie konnte das geschehen, dachte sie und sprach es dann auch laut aus. „Wie konnte das geschehen? Eben noch glänzte ich in großer Höhe an meinem Baum und plötzlich konnte ich mich nicht mehr halten und fiel in die Tiefe.“

„Pff“, machte es neben ihr. Und noch einmal „Pff … woher willst du denn wissen, dass du geglänzt hast?“, meinte eine verächtliche Stimme neben ihr. Umgehend antwortete sie: „Siehst Du nicht, wie prall und schön ich bin? Wenn Sonnenstrahlen auf meinen schönen runden Körper fallen, kannst du deutlich das Rot und Gelb meiner Schale erkennen“.

Golden schielte zur Seite. Ging nicht anders, er war unglücklich gelandet. Er musste zugeben, dass sie mehr als passabel aussah. Zumindest das, was er von ihr sehen konnte. „Wie heißt Du?“ Er fragte etwas freundlicher, ließ aber immer noch den Apfelkerl raushängen. Sie ignorierte sein Gehabe und hauchte „Jona“. „Angenehm, Golden. Golden Delicious“.

„Jona Gold“, gab sie zurück. Dann schwiegen sie eine Weile. Ihre kugeligen Körper lagen dicht beieinander, berührten sich aber nicht. „Und … “, durchbrach Golden die Stille, „was machen wir jetzt, Jona Gold?“ Schweigen. Langes Schweigen. Beiden wurde ihre missliche Lage bewusst.

„Hey, hey, ihr da unten?“, ertönte plötzlich eine Stimme.

Jona und Golden riefen fast zeitgleich genervt: „Was?“ Die Stimme antwortete belustigt: „Na, ihr passt ja wunderbar zusammen. Ich sage nur ‚Fallobst‘. Ein Gewirr von Gelächter erfüllte die Obstwiese. Von glockenhell bis brummend war alles dabei, begleitet von dummen Sprüchen der anderen.

Jona wurde sehr traurig und weinte tränenlos. Golden, der – abgesehen davon, dass er ein ganzer Apfelkerl war, der vor Kraft nur so strotzte – ihre Trauer spürte, versuchte sie zu trösten. „Hör nicht hin. Die kriegen auch noch ihr Fett weg. Wirst sehen. Ehe sie sich versehen, werden sie vom Baum gerissen und liegen in einem großen Korb. Und, wer darin verschwand, den hab‘ ich nie wiedergesehen.“

 

Text: Anette Gartemann

Fotos: Philip Steury

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