Bücher & Lesetipps,  Über das Schreiben

Zeitspurensuche mit Inge Müncher

Irina fröstelt, ihr Körper beginnt zu zittern. Nicht nachgeben, nicht weinen, die Augen dürfen sich nicht röten. Sie atmet tief, mehrmals, um sich zu beruhigen. Inge Müncher liest die Geschichte ‚Grenzübertritt‘ aus ihrem Buch Zeitspurensuche mit ernster, gehaltener Stimme.

Bereits nach den ersten achtsam gewählten Sätzen bin ich mit ihr unterwegs: mit Irina im Zug und in der Zeit, als es noch schwierig war, von Polen ins deutsche Bundesgebiet zu gelangen. „Der Zug rattert, rattert und rattert.“ Und meine Gedanken mit ihm.

2014.03.13._Inge MüncherGleich bei unserer ersten Begegnung in der Bünder Schreibwerkstatt lernte ich die Texte der Bünder Autorin Inge Müncher kennen und schätzen. Was für eine erstaunliche Frau. Mit ihren Texten lädt sie uns ein, nahe, ferne und innere Räume kennenzulernen.  Sie schreibt ohne erhobenen Zeigefinger und ohne jeden Nachdruck. So klar, authentisch und wahr, dass Wort für Wort nachwirkt. Was Schreiben für Sie bedeutet, verriet sie mir im Interview. 

Inge Müncher: Es ist ein Suchen nach einem empfindsamen Ausdruck, nach einem poetischen, lyrischen, der auch auf die Leser und Zuhörenden bei meiner Rezitation emotional einwirken könnte. Melodisch klangvoll gestalte ich den Text.

Wie haben Sie den Zugang zum Schreiben gefunden?

Immer habe ich nach einem persönlichen, empfindsamen, klangvollen Ausdruck gesucht. In der Jugendzeit war es zuerst das Singen. Abends durfte ich mich zu meinem Vater aufs Sofa setzen, und er übte mit mir Volkslieder oder im Kanon zu singen. Das erfreute mich sehr. Auch in der Kleinkinderschule lernten wir Lieder. Bevor wir nach Hause gingen, sangen wir das Lied: „Gott ist die Liebe, er liebt auch mich“. Ich selbst sang innerlich davon berührt mit, die Hände nach vorn gefaltet. Und wenn mein Vater oder meine Mutter Geburtstag hatte, wurde ich gebeten, auf den Stuhl zu steigen und dieses Lied zu singen, und ich tat es ohne Scheu. Als ich neun Jahre alt war, erhielt ich Unterricht im Blockflötenspiel bei Fräulein Stickdorn. Der Klang des Instrumentes betörte mich sehr.

Es begann also mit der Musik. Zuerst das Singen in der frühen Jugend, dann das Blockflöten- und Klavierspiel bis zur A-Dur-Sonate von Mozart mit dem Rondo Alla Turca als Höhepunkt in einem Schülerkonzert, dann eine Gesangs- und Rezitationsausbildung mit Schubert-Liedern, Arien aus dem Weihnachtsoratorium von Bach und den Orpheus-Arien von Gluck als Höhepunkte.

Erst viel später, als die Kinder größer geworden waren, schrieb ich eigene Gedichte. Ich versuchte dabei, meine musikalischen Empfindungen mit der Sprache zu verbinden und auch in Erzählungen emotionale Stellen poetisch-musikalisch zu gestalten.

Welche Gestaltungsform bevorzugen Sie?

Ich schreibe erzählend oder lyrisch über Personen, die mir begegnen, die mich faszinieren oder schmerzlich erschüttern und als Lyrik über Erlebnisse in der Natur, über wundersame, aber auch schmerzliche Seelenzustände, außerdem über Künstler und seltsame Figuren aus der antiken Sagenwelt. Schulerlebnisse und Ereignisse in der NS-, Kriegs- und Nachkriegszeit versuche ich, damit sie nicht verlorengehen, in Erzählungen literarisch darzustellen. Ereignisse, die ich in Quellen gefunden habe, fülle ich mit Phantasie und Emotionen und gestalte sie klangvoll.

Da Rainer Maria Rilkes in französischer Sprache geschriebenen Gedichte, die in seinen letzten Lebensjahren entstanden sind, mich sehr faszinierten, schrieb ich in deutscher Sprache meine lyrischen Übersetzungen seiner Gedichtzyklen „Les Roses“, „Les Fenêtres“ und „Les Quatrains Valaisans“ (Die Walliser Vierzeiler), die mein Verleger Dirk Riemann sorgfältig und schön als Buch zweisprachig zusammengefügt hat.

Wann hatte das Schreiben für Sie eine ganz besondere Bedeutung?

In einer melancholischen Lebensphase suchte ich nach einer schmerzvollen Ausdrucksform und schrieb sieben Gedichte mit dem Thema „Unter dem gelben Stern“, die später in meinem Buch mit weiteren Gedichten und dem Titel „Das Geheimnis der Seerosen“ erschienen sind.

Wenn ich als langjährige Gasthörerin in der Literaturwissenschaft an der Uni Bielefeld abends nach Hause kam, habe ich manchmal lyrische Texte geschrieben über das, was mich in Vorlesungen und Seminaren über Klassik, Romantik, Mythos und Mystik besonders empfindsam berührt hatte.

Gab es Menschen oder Begegnungen in Ihrem Leben, die Sie zum Schreiben animiert haben?

Es gibt keinen Menschen, der mich zum Schreiben bewußt hingeführt hätte, sondern Begegnungen mit Menschen, ihre Empfindungen, Emotionen oder ihr Schicksal inspirierten mich.

Welche Schriftsteller oder Autoren haben Sie geprägt und inspiriert?

Goethe mit seiner erhabenen Sprache, besonders in der „Iphigenie“. Die Romantiker Joseph von Eichendorff, Novalis, Clemens von Brentano inspirieren mich mit ihrer wunderbaren Lyrik. In Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ faszinieren mich sehr die mystischen Zustände von Agathe und Ulrich, und ich schrieb die Gedichte „Mystik“ und „Lichte Mystik“.

Ich liebe auch die Balladen von Theodor Fontane, sie regen mich an, meine Textstellen manchmal dramatisch zu gestalten, auch rezitiere ich sehr gern seine Balladen. Angeregt durch Maurice Maeterlincks Buch „Schatz der Armen“ (Prosa) habe ich zwei Gedichte geschrieben mit dem Titel „Geheimnis der Stille“ und „Schätze des Schweigens“.

Sie sind sehr kritisch, wenn es um die deutschen Rechtschreibung geht …

Ja, da ich die gesamte Rechtschreibreform für sehr mißlungen halte und ich selbst die bisherige klassische Schreibweise verwende, habe ich mich intensiv mit der fehlerhaften s-Regel beschäftigt und einen Aufsatz mit dem Titel „Die s-Regel der Rechtschreibreform kritisch betrachtet“ geschrieben, der in der „Neuen Sprachwelt“ (Herbst 2012, Ausgabe 49) unter dem Titel „Die reformierte s-Regel steckt voller Tücken“ erschienen ist. In der 53. Ausgabe ist noch ein Text von mir über meine Rilke-Übersetzungen. Die Überschrift „Ein Buch voller lyrischer Rosen“ ist die Idee der Redaktion. Jede Ausgabe bis Nr.54 kann man bei der „Neuen Sprachwelt“ bestellen und kostenlos erhalten.

Sie haben sich dem Schreiben auch wissenschaftlich genähert. In welcher Form?

Das sind wissenschaftliche Arbeiten über den Einfluß Cézannes und Rodins auf Rainer Maria Rilkes lyrischen Bilder in seinen „Neuen Gedichten“ und „Die Frage nach dem Poetischen, nach dem Erscheinen von Unbewußtem und anderen geistig-seelischen Ausdrucksformen in dem Roman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque“ sowie „Heinrich Heines poetische Schreibweise nach den Rezensionen Arnold Ruges in den „Hallischen Jahrbüchern“ von 1838. In der Zeitschrift „Monokel“ sind zwei Artikel von mir erschienen, einer über Hertha Koenig und Rainer Maria Rilke und der andere über das wundersame Spiel der Farben und des Lichts in dem Bild des Bünder Kunstmalers Werner Roger Neck „Brücke am Gut Bustedt“.

Was bedeutet Schreiben in Ihrem Leben?

Durch poetische Gestaltung lösen sich meine Verspannungen, Zweifel, Ängste, negativen Vorstellungen, und meine geistig-seelischen Kräfte erweitern sich. Auch freue ich mich, wenn der Text gut klingt und geistig-seelische Vorgänge darin enthalten sind und vielleicht Leser oder Zuhörer emotional erregen könnten oder wenn lyrische Stellen auch in Erzählungen vorhanden sind. 

Können alle Menschen schreiben?

Jeder kann etwas aufschreiben, zum Beispiel sachliche, kritische, empfindsame, angriffslustige, ironische, emotionale Texte. Aber ob einige poetisch werden, literarisch wertvoll, das stellt sich erst nach einer gewissen Zeit des Schreibens und nach sensiblen Korrekturen heraus. Es kann durch eine besondere Begabung bewirkt werden, aber auch durch eine geistig-seelische Entwicklung.

Was würden Sie Menschen raten, die schreiben wollen?

Zu einem Spaziergang sich Zettel oder Notizbuch und Bleistift in die Manteltasche stecken, sich entspannen und von der Natur inspirieren lassen. Vielleicht hat der Suchende dabei eine Eingebung und schreibt sie auf. Oder ihm fällt ein Text ein, wenn er abends allein noch wach ist und die anderen schlafen. Oder mit dem Schreiben über die Kindheit, Schul- und Jugendzeit beginnen, in der Ich-Form oder dem Kind einen Namen geben. Oder er geht in eine Schreibwerkstatt, wird dort angeregt, zu einem bestimmten Thema etwas zu schreiben. Selbst wenn er meint, dazu falle ihm nichts ein, sollte er sich trotzdem zu Hause in ein Erlebnis, eine Person oder eine Stimmung hineinversenken oder sich phantasievoll inspirieren lassen und mit wenigen Sätzen beginnen. Er wird staunen, was ihm plötzlich noch alles einfällt. Auch die Texte ab und zu laut lesen, um zu spüren, ob sie gut klingen, ob Emotionen und Spannung vorhanden sind.

Welche Bedeutung haben die Lesungen für Sie? Wen möchten Sie erreichen?

Ich versuche, mich in das Erlebte, Erzählte oder in lyrische Stimmungen zu versenken und es dann mit meiner Stimme und Rezitation zum Ausdruck zu bringen, auch um sie auf die Empfindungen und Emotionen der Gäste meiner Lesung zu übertragen.

Ihr Buch ‚Zeitspurensuche‘ enthält Ihre persönlichen Erlebnisse in Ihrer Heimatstadt. Was sollten die Leser/innen darüber wissen?

Ich habe meine Erlebnisse dort in der Schul-, NS-, Kriegs- und Nachkriegszeit als Erzählungen und Lyrik gestaltet, dabei auch originelle Personen und Persönlichkeiten aus Bünde und Umgebung erwählt, habe das für Bünde und seine Bürger in meinem Buch zusammengefügt. Da ich als Kind oft über die Elsebrücke an der Mühle gehen mußte, um zum Bauernhof meiner Oma zu kommen, habe ich auch phantasierte Gesänge am Mühlenwehr lyrisch gestaltet.

Ich danke sehr dem Verleger meines Buches Dirk Riemann, daß er meine Texte sorgfältig und schön gestaltet hat und dem Kunstmaler Werner Roger Neck, daß wir sein Bild „Winter in Gewinghausen“ für den Umschlag des Buches verwenden durften. Durch das Buch habe ich sehr viele Menschen kennengelernt, die es gelesen haben.

Liebe Frau Müncher, herzlichen Dank!

Anmerkung: Die Antworten von Frau Müncher habe ich auf ihren Wunsch unverändert und in alter Rechtschreibung veröffentlicht.  

 Fotos: Ute Adam, Inge Müncher 

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