Letzter Abschied vom Sehen

„Statt blindlinks gegen Wände anzurennen, muss ich die neuen Regeln anerkennen. Der Raum ist klein, doch vieles bleibt erhalten. Behutsam will ich ihn für mich gestalten.“
Diese Zeilen aus einem Gedicht von Konrad Gerull berühren mich tief und bei jedem Lesen erneut. Ich habe sie in dem neuen Wortfinder-Kalender gefunden und freue mich, dass ich sie auf schreibselig veröffentlichen darf. Passen sie doch so gut in die Zeit, auch wenn der Autor von einer Erfahrung berichtet, die sich die meisten von uns kaum vorstellen können.

Konrad Gerull hat Mathematik und Physik studiert. Nach seiner Promotion arbeitete er am Oberstufenkolleg der Uni Bielefeld. Durch eine ererbte Netzhaut-Degeneration (Retinitis-Pigmentosa) wurde er bereits als Kind langsam sehbehindert. Er ist seit 15 Jahren vollständig erblindet. „Mit schwindenden Möglichkeiten von Freizeit und Beruf musste ich mich auseinandersetzen. Dies hat mich zum Schreiben gebracht, auch im Arbeitskreis BLAutor von blinden und sehbehinderten Autoren“, schreibt er im Wortfinder-Kalender 2020 zu seiner Person. Für sein Engagement im Verein Pro Retina Deutschland e.V. erhielt Konrad Gerull das Bundesverdienstkreuz.

Hier lest ihr nun das ganze Gedicht:

 

Letzter Abschied vom Sehen

Ein lichter Nebel liegt vor meinen Augen,
die kaum noch Tag und Nacht zu trennen taugen,
die letzten Boten des geliebten Lichts –
ich ahne diesem Grau folgt bald das Nichts.

Der Schimmer von Kontur und von Gestalt
gab mir bisher im Raum noch Ziel und Halt.
In Zukunft kann nur noch mein Innenleben
mir neue, and’re Perspektiven geben.

Statt blindlinks gegen Wände anzurennen,
muss ich die neuen Regeln anerkennen.
Der Raum ist klein, doch vieles bleibt erhalten.
Behutsam will ich ihn für mich gestalten.

Text: Konrad Gerull

Wer den Wortfinder-Kalender 2021 für 17 Euro bestellen möchte, kann das direkt unter: info@diewortfinder.com. In diesem Jahr gibt es die Texte erstmals auch auf einer Doppel-Audio-CD (12 Euro).

Fotos: MiaStendal / Adobe Stock

5 Antworten auf „Letzter Abschied vom Sehen“

  1. Das Gedicht von Herrn Gerull berührt auch mich, weil er eine sehr persönliche, einschneidende Erfahrung teilt. Er nimmt sein Schicksal an, und lässt Raum für Hoffnung. Ein schönes Gedicht. Schön, dass ich es hier lesen durfte.

  2. Dieses Gedicht berührt mich sehr. Ich habe erlebt, wie meine Mutter darunter gelitten hat, durch eine Makula-Degeneration ihren Augen immer weniger trauen zu können. Immer weniger zu sehen und da noch nicht mal sicher zu sein, dass das, was man sieht, auch wirklich so ist. Durch schwindendes Augenlicht immer mehr auf Hilfe angewiesen zu sein, das hat sie sehr unglücklich gemacht. Dabei hat sie vor vielen Jahren selbst blinde Menschen unterstützt, indem sie die Zeitschrift des Vereins der Retinitis Pigmentosa-Erkrankten auf Cassette gesprochen hat. Ich muss lächeln, wenn ich an die Fanpost denke, die sie wegen ihrer Stimme bekommen hat. Das Sehen ist ein so wichtiger Sinn und das Augenlicht zu verlieren verlangt eine völlig neue Orientierung in der Welt. Es ist sehr bewegend, wie Konrad Gerull diese Situation für sich annimmt. Und ich bewundere es, wie er mit so wenigen Worten diesen inneren Abschied auch für Sehende spürbar machen kann.

    1. Liebe Christiane, oh, wie wunderbar, dass Dich das Gedicht erinnert und animiert, einen Kommentar zu schreiben. Einen ganze Zeitschrift auf Cassette zu sprechen, war eine brillante Idee und sicherlich auch ein echter Aufwand. Und dass auch die Stimme dabei die Menschen besonders anspricht, kann ich mir gut vorstellen. Herzlichen Dank und liebe Grüße, Gabriele

  3. Wie schön dieses Gedicht von Herrn Gerull ist.
    Behutsam ist er mit sich, seinen inneren Raum zu gestalten und behutsam lässt er die LeserIn Anteil nehmen, lässt Hoffnung spüren.
    Wie anders und doch so lebenswert das Leben mit dieser Erkrankung wieder werden kann dürfen wir in der (Groß)familie miterleben.
    Meine Schwägerin, erkrankte an Retinitis pigmentosa, gerade als sie immer erfolgreicher wurde als Zirkusartistin. Wir lernten sie in der Familie erst kennen als sie schon erblindet war und waren zutiefst beeindruckt von Ihrer lebensbejahenden, sprühenden Art.
    Nachdem sie die für sie neuen Regeln für ihr Leben anerkannt hatte hat auch sie neue Perspektiven gefunden. Sie ist mittlerweile beruflich weltweit als Moderatorin und Rednerin unterwegs.
    Jetzt in der Corona-Zeit kann sie nicht auf der Bühne stehen, so hat sie ihre Geschichte in einem Buch aufgeschrieben.
    Ihrem Buch hat sie den Titel gegeben: „Wie man aus Trümmern ein Schloss baut“. Es ist ein ernstes und doch unterhaltsames Mutmach Buch geworden.

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